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PLATO HAT UNS VERDORBEN
Kreativitäts-Guru Edward de Bono über die Möglichkeiten, Menschen
zu größerem Ideenreichtum zu verhelfen.
SPIEGEL: Herr de Bono, überall lassen sich Manager, Bürokraten
und Wissenschaftler von Ihnen zu kreativen Denkern schulen.
Warum fällt es Ihrer Klientel so schwer, Ideen zu haben?
De Bono: Die Voraussetzung für jede Kreativität ist, dass
man die Frage stellt: Was wird sein? Wir analysieren jedoch
statt dessen ständig, was ist. Wir wollen alles um uns herum
als Standardsituationen erkennen, zu denen unsere Standardantworten
passen. Sokrates, Plato, Aristoteles und die Renaissance haben
uns völlig verdorben.
SPIEGEL: Wie bitte?
De Bono: Die Renaissance war das größte intellektuelle Desaster.
Recht, Kunst, Architektur - an die Stelle von alten Dogmen
traten neue. So hat sich ein Kanon erlaubter Gedanken durchgesetzt.
Wir haben diese Denkmuster gespeichert. Kreative Ideen entstehen
aber nur dann, wenn sich Informationen nicht einer Hauptstruktur
zuordnen. Deshalb bin ich auf Denktechniken wie das "laterale
Denken" gestoßen. Man schafft mentale Provokationen, damit
die Gedanken der bekannten Bahn, "dem Informationshighway",
entkommen.
SPIEGEL: Was sind solche Provokationen?
De Bono: Es sind Reiz-Aussagen. Verzerrungen, Übertreibungen,
Wünsche. Sie beschreiben keinen tatsächlichen Zustand, sondern
sollen bei der Suche nach Ideen unser Gehirn aktivieren. "Man
stirbt, bevor man stirbt" zum Beispiel ist so eine Provokation.
Sie hat zu der erfolgreichen Idee geführt, Lebensversicherungen
auch vor dem Tod des Versicherten auszuzahlen. Kreativität
ist eine Frage von Methoden. Je früher man sie erlernt, umso
besser.
SPIEGEL: Denken als Schulfach?
De Bono: Ja. Lehrer behaupten zwar immer, ihr Unterricht würde
den Geist der Schüler trainieren. Aber das ist Quatsch. Sie
pressen Wissen in die Kinder, ohne ihnen ein Denk-Instrumentarium
zur Verfügung zu stellen. An den meisten europäischen Bildungseinrichtungen
werden zwei Drittel des Talents verschwendet. Viele leistungsschwache
Schüler sind die besseren kreativen Köpfe.
SPIEGEL: Zeigt sich das dann wenigstens nach der Schule?
De Bono: Wer wegen schlechter Zeugnisse erst gar nicht eingestellt
wird, hat auch keine Chance, sich im Job zu beweisen. Dabei
werden sich Firmen in Zukunft nur noch durch Kreativität unterscheiden.
Man wird seinen Marktwert nur noch durch ungewöhnliche Ideen
behaupten können.
SPIEGEL: Wie können Firmen innovativer werden?
De Bono: Viele große Unternehmen erkaufen sich Pseudo-Innovation,
neue Ideen und Märkte, indem sie fusionieren. Was für trostlose
Business-Strategien! In Zukunft wird es mehr Ideenagenturen
geben müssen, die den Firmen ihre Dienste anbieten. Wir müssen
dem neuen Zeitalter mit Kreativität begegnen.
SPIEGEL: Rennen Sie da nicht offene Türen ein? Schließlich
erlebt die Hightech-Branche gerade einen Innovationsboom.
De Bono: Wir brauchen ein Zeitalter der "value-creation" .
Wir müssen mit Hilfe von Technologie und Wissen erkennen,
was für die Gesellschaft von Wert sein kann. Etliche Maler
und Architekten arbeiten mit meiner Methode, Musiker wie die
Eurythmics, die Petshop-Boys oder Peter Gabriel. Wenn sie
ein Werk beginnen, starten sie bei Null.
SPIEGEL: Kreativitätsübungen sind nicht neu. Brainstorming
zum Beispiel.
De Bono: Brainstorming ist nicht zielgerichtet. Es ist unsinnig
zu glauben, dass Kreativität bereits zu Stande kommt, wenn
jeder uneingeschränkt sagen kann, was ihm in den Sinn kommt.
So wie ein Gefesselter nicht plötzlich Geige spielen kann,
nur weil man die Stricke durchschneidet.
SPIEGEL: Aber lässt sich Kreativität lernen wie Geige spielen?
De Bono: Man kann eine Gruppe in parallelem Denken trainieren.
Alle Beteiligten müssen gemeinsam in alle möglichen Richtungen
denken, statt gegeneinander zu argumentieren. Damit lässt
sich die Dauer von Meetings um 75 Prozent reduzieren. Solche
Konferenzen sind frei von Streit und Egotrips und konzentrieren
die versammelte Intelligenz, die Erfahrung und das Wissen.
SPIEGEL: Haben Sie Vorschläge für mehr Innovation in Politik
und Verwaltung?
De Bono: Man könnte zum Beispiel für langjährige Minderheitenparteien
eine Art finanzieller Kompensation einführen - verlieren sie
die Wahlen, müssen ihre Wähler 10 Prozent weniger Steuern
zahlen. Die regierende Partei würde sofort mit mehr Effizienz
und Kreativität arbeiten.
SPIEGEL: Wie provozieren Sie sich selbst eigentlich mental,
wenn Sie mal ein Kreativitätsproblem haben?
De Bono: Ich fühle mich eigentlich immer hinreichend kreativ.
Manchmal muss ich mich nur entscheiden, in welchem Bereich
ich es nun gerade sein möchte.
SPIEGEL: Das klingt recht einfach.
De Bono: Wenn ich mich entscheide, ein neues Buch zu schreiben,
mache ich es eben. Wenn ich nicht weiter weiß, benutze ich
ein paar meiner Techniken. Doch aufs Ganze gesehen ist die
Situation desaströs: Denken ist absolut unverzichtbar, um
die Zukunft zu gestalten. Und trotzdem gibt es nicht eine
einzige Universität in der Welt, die eine Fakultät für Denken
hat.
SPIEGEL: Und was geschieht in Fächern wie Philosophie, Psychologie,
Mathematik?
De Bono: Ich meine ein generelles Denken, bei dem es erst
einmal um Techniken und nicht um Inhalte geht. Die meisten
Menschen glauben, sie seien kreativ, wenn sie auf ihrem Gebiet
Anerkennung bekommen. Ich habe Investment-Analysten in Amerika
einmal aufgefordert, sich Punkte von 1 bis l0 für ihre eigene
Denkfähigkeit zu geben. Der Durchschnitt war 8,7. Sie hielten
sich für nahezu perfekt. Dabei sprühten sie nun wirklich nicht
vor Ideen.
SPIEGEL: Sind Ihre Kreativ-Methoden nicht nur vornehme Etiketten
für gesunden Menschenverstand?
De Bono: Im Nachhinein ist jede neue Idee logisch. Stellt
sich nur die Frage, warum es sie nicht schon 200 Jahre früher
gab.
INTERVIEW: KATJA THIMM
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